Cap Canaille Christophe Gavat Prix quai des Orfèvres 21

Die literarische Rubrik: Tipps und Kritiken der französischen Werke und Autoren

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Cap Canaille Christophe Gavat Prix quai des Orfèvres 21

Beitragvon Emilien » Di, 29. Dez 2020 21:25

Der Autor dieses Kriminalromans kennt als Karriere-Polizist offenbar wesentliche psychologische und strukturelle Aspekte des französischen Polizeiapparats. Auch wenn es sich nicht unbedingt um eine literarische Meisterleistung handelt, ist es Christophe Gavat als seit 2018 voll rehabilitiertes zeitweiliges Opfer eines Justizirrtums(Drogengeschäfte) gelungen, einen Gangsterkrieg zwischen Kriminellen aus Paris und Marseille spannend darzustellen. Beeindruckend ist das Bemühen des Autors um eine differenzierte Analyse der Schwächen, Stärken und Gefühle von Polizisten und Kriminellen, die in ihren Lebenskrisen, Selbstzweifeln und psychologischen Entwicklungen charakterisiert werden. Der Polizeiapparat erscheint als eine familienähnliche Struktur, die durch Solidarität, Rivalitäten, Selbstüberschätzung, Fehler und Mitleid geprägt ist. Auch Kriminelle werden z. T. als mitfühlende und verletzliche Menschen dargestellt. Im Zentrum der Handlung steht der nach dem frühen Tod seines Sohns (Octave) durch Existenzkrisen belastete Polizeikommandant Henri Saint-Donat, der außer seiner langjährigen Erfahrung und Kompetenz ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen für seine Kollegen und für Kriminelle hat. Der in Marseille tätige Polizeikommandant engagiert sich auch für lebensbedrohlich erkrankte Kinder, womit er das seinem Sohn gegebene diesbezügliche Versprechen hält. Saint-Donat kennt die Lebensgeschichte der intelligenten , aber z. T. auch einfühlsamen Gangsterkönigin Nathalie Fournier, die Opfer eines brutalen Mordanschlags wird. Er hat der einstmals schwangeren Kriminellen bei einem gescheiterten Einbruch durch sein rechtzeitiges Eingreifen das Leben gerettet und dafür gesorgt, dass sie mit einer milden Strafe davonkam. Saint-Donat, der sie in ihrer kriminellen Karriere zwar verurteilt, empfindet Mitleid für Nathalie Fournier, die um ihre Freundin trauert, die beim Einbruchversuch ums Leben gekommen ist. Das wechselseitige Verständnis zwischen einem Polizisten und einer Kriminellen spiegelt sich auch in der Tatsache wieder, dass sie ihren Sohn nach dem verstorbenen Sohn Saint-Donats Octave nennt und dass Saint-Donat sich nach ihrem Tod um ihren Sohn kümmert. Lucie Clert, die dynamische und manchmal zu impulsiv handelnde Kollegin Saint-Donats,die sich um ihren an Demenz erkrankten Vater sorgt, ihr in sie verliebter bedächtig handelnder Kollege Basile Urteguy, der als verständnisvoller Chef dieser Polizisten erscheinende Francis Larrivée und einige andere trotz ihrer persönlichen Probleme korrekt agierende Polizisten vervollständigen das Bild eines eher menschlichen Polizeiapparats mit Schwächen. Gemeinsam gelingt es schließlich den engagierten Polzisten, einen zweifachen Mord im Gangstermilieu aufzuklären. Auf der kriminellen Seite hervorzuheben ist Daniel Rabutin, der Chef der Bande ehemaliger Legionäre mit fragwürdigem Ehrenkodex, die den Mord an der Gangsterkönigin rächen will. Seine Gegenspieler sind die aus einer sozial problematischen Cité Marseilles stammenden 3 Brüder Yacine, Bilal und Khaled Hosni. Es fällt auf, dass auch kriminelle Opfer in ihrem Leid und ihren Gefühlen zumindest ansatzweise erfasst werden. Ein besonders interessanter Aspekt dieses Romans ist sicherlich die anschauliche Schilderung der klimatischen und geographischen Lebensbedingun-gen sowie der Mentalität der Bewohner der Stadt Marseille. Der Autor lässt auch erkennen, dass er Humor hat. Bedauerlich ist, dass Christophe Gavat auf das aktuelle heiß diskutierte Thema der „Polizeigewalt” kaum eingeht, obwohl er selbst Opfer fragwür-diger Methoden der Polizei anlässlich seiner unrechtmäßigen Verhaftung gewesen ist. Das weitgehend positive Bild der Polizei, das er dem Leser präsentiert, ist sicherlich sehr subjektiv, gibt aber dennoch einen diskussionswürdigen Einblick in das Selbstverständnis mancher französischer Polizisten. Es wäre zu einfach, diese Perspektive des Autors nur als Verklärung der Wirklichkeit heutiger Polizeiarbeit abzutun.
Emilien
 
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