Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

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Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Valdok » So, 14. Jul 2013 12:53

Eine von einem berühmten Forscher der Romanistik gemachte Analyse der französischen Sprachpolitik. Obgleich dieser Artikel in Jahre 2001 verfasst worden war, ist er, meiner Meinung nach, immer noch lesenwert.

An die aktuelle Sprachpolitik in Frankreich die Frage zu stellen, ob sie ein Modell für
Deutschland sein kann, scheint von vornherein absurd angesichts der Tatsache, daß über
diese nur das denkbar Nachteiligste zu hören war und ist. Über das Sprachgesetz von
1994 ist in der deutschen Presse ausführlich und durchweg ablehnend berichtet worden.
Das nach dem damaligen Kultusminister Jacques Toubon benannte Gesetz, so war zu lesen,
verbiete den Franzosen die Verwendung englischer Wörter und drohe bei Zuwiderhandeln
mit saftigen Strafen. Das soll ein Modell für Deutschland sein? Die deutsche
Presse ist im Vollbewußtsein ihres Kosmopolitismus über das eigenartige, selbstbezogene
Frankreich hergezogen. Insbesondere hat natürlich ein deutsches Nachrichtenmagazin
die Franzosen erbarmungslos eines lächerlichen Sprachchauvinismus geziehen. Kurzum,
man hat sich hierzulande köstlich darüber amüsiert, daß Frankreich wie ein sprach- und
kulturpolitischer Don Quijote gegen die englischen Wörter kämpft, und man hat fein lächelnd
die klugen deutschen Köpfe geschüttelt.




Beim Klicken hier
http://www.akademienunion.de/_files/akademiejournal/2001-2/AKJ_2001-2-S-10-14_trabant.pdf
könnt Ihr weiter lessen


Der Prof. Dr Jürgen Trabant ist nicht nur ein ausgezeichneter Linguistiker sonder auch ein waschechter Lieber der französischen Sprache. Als Französin bin ich stolz darauf, Frankreich könnte Deutschland als Vorbild im Bereich der Verteidigung der Sprache und der Kultur dienen.
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Woolito » So, 14. Jul 2013 14:21

Vielen Dank, Valdok, für den Artikel von Jürgen Trabant. Mit seinen Schlussfolgerungen bin ich allerdings überhaupt nicht einverstanden. Ich zitiere:

Offensichtlich nehmen die Franzo-
sen ihre Sprache als ein zentrales Stück Umwelt
wahr, dem sie seit Jahrhunderten eine ganz be-
sondere Sorge und Pflege angedeihen lassen.
............ Dass Sprache Umwelt ist,
die gefährdet ist und zerstört werden kann und
die daher geschützt werden muß, damit die Men-
schen besser leben, diese ökologische Einsicht
könnte nun Deutschland von Frankreich lernen.


In Deutschland findet seit vielen Jahren eine Auseinandersetzung über die verändernden Einflüsse des Englischen sowie neuer Medien auf die deutsche Hoch- und Alltagssprache statt. Dies gilt nicht nur für "Gewinne", sondern auch für "Gefährdungen" und "Verluste". Außerdem findet diese Auseinandersetzung nicht nur in akademischen und "zentraladministrativen" Kreisen wie meinen Erfahrungen nach in Frankreich statt, sondern in wesentlich breiteren Bevölkerungskreisen. Selbst das "Massenblatt" BILD bringt das Thema immer wieder und z.B. ein Bastian Sick spricht in Veranstaltungshallen vor über 10.000 Leuten und nicht in barocken Intellektuellenzirkeln.
Um mit den Worten von Jürgen Trabant zu sprechen: Nicht die Franzosen lassen ihrer Sprache seit Jahrhunderten eine "ganz besondere Sorge und Pflege" angedeihen, sondern die Academie Francaise und staatliche Terminologiekommissionen, die im übrigen meist sehr spät und "hektisch" und abgehoben auf neue Entwicklungen reagieren. Die Franzosen in ihrer ganzen Breite sprechen Französisch, adaptieren das eine oder andere neue Wort und machen sich meinem Gefühl nach wesentlich weniger Gedanken über die Entwicklung ihrer Sprache als die Deutschen.
Ich sehe in diesem Zusammenhang wenig, was Deutschland von Frankreich lernen könnte.
nachricht-5688.html#p62607 (Moderatorenbeitrag)
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Mislep » So, 14. Jul 2013 17:18

Meiner Meinung nach ist es genau umgekehrt. Die Deutschsprachigen haben wenig Sprachbewusstsein, und pflegen viel mehr Anglizismen in der Alltagssprache als die deutsche Sprache selbst. Denn englisch zu sprechen ist Zeichen einer guten Ausbildung. Das klingt cool, modern, intelligent.
Bei der Jugend, vor allem aus den intellektuellen Studentenkreisen, ist es besonders schlimm. Gern kommuniziert man untereinander auf englisch (besonders am Arbeitsplatz, auch wenn kein Engländer dabei ist, oder mit den Kindern), schaut man sich spanische Filme an oder liest französische Literatur in englischer Fassung...

Dass in Frankreich eher die hohen Schichten der Bevölkerung sich mit der Sprache auseinandersetzen ist wahrscheinlich richtig. Aber in Deutschland natürlich auch.

Eine Frage: Englisch als Unterrichtssprache an den Uni in Frankreich löste viele Debatte überall in Frankreich aus. Wurde es überhaupt diskutiert in Deutschland als sich Englisch bundesweit durchsetzte ?
Als die Deutschsprachigen ihre Rechtsschreibung reformieren wollten, wurde zwar viel darüber diskutiert, aber weder mehr noch weniger als in Frankreich. (siehe die Reform Anfang der 90er, oder die endlosen Diskussionen über die weiblichen Formen für Berufsbezeichnungen...)

Zur Verteidigung der Deutschen muss man aber sagen, dass sie es natürlich schwieriger haben, weil das Englische mit dem Deutschen verwandt ist, und Anglizismen sich daher einfacher im Deutschen integrieren lassen als im Französischen.



Was Deutschland von Frankreich lernen könnte: Quote von deutschsprachigen Songs (Liedern, sorry ^^) im Radio und Fernsehen einführen, um eine kulturelle Produktion in deutscher Sprache zu fördern, und das Sprachbewusstsein der Deutschen zu verstärken.
Wortschöpfungen einführen, und zwar in allen "modernen" Bereichen wie Technologie, Wissenschaften, Wirtschaft/Finanzen, Industrie usw. Mit sovielen Anglizismen wird es bald unmögliche sein, in diesen Bereichen auf deutsch zu kommunizieren.
Deutsch als Unterrichtssprache an den deutschen Unis, wenn eine Fremdsprache keinen Sinn macht.

Was Frankreich von Deutschland lernen könnte: Rechtsschreibung reformieren.
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon michelmau » So, 14. Jul 2013 17:53

Was Frankreich von Deutschland lernen könnte
(auch von GB und Spanien , übrigens)
die sog.Minderheitensprachen respektieren ; bretonisch , baskisch, katalanisch , korsisch , elsässisch , flämisch , dh die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen endlich mal unterschreiben. :mrgreen:
"C'est curieux chez les marins ce besoin de faire des phrases." (Maitre Fourasse in "Les Tontons flingueurs.")
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon jollylolly » So, 14. Jul 2013 19:59

Das mit der Charta ist ja interessant michelmau, wusste ich bislang gar nicht.
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Avonlea » So, 14. Jul 2013 20:14

Mislep hat geschrieben:Was Deutschland von Frankreich lernen könnte: Quote von deutschsprachigen Songs (Liedern, sorry ^^) im Radio und Fernsehen einführen, um eine kulturelle Produktion in deutscher Sprache zu fördern, und das Sprachbewusstsein der Deutschen zu verstärken.

Das funktioniert nicht. Keine Radiostation wird dann Musik spielen, die es nicht auch jetzt schon spielen würde. Würde man das vorschreiben, hätten wir nur noch ein paarmal mehr Lieder von Rosenstolz oder Silbermond, fördern aber weder Sprache noch Kultur.

Ich finde nicht, dass man Sprache in ein Korsett zwängen sollte. Man braucht Regeln, um Kommunikation möglich zu machen, aber man darf niemandem vorschreiben, wie er zu sprechen hat oder welche Wörter er verwenden soll, denn Sprache ist nie etwas Statisches gewesen und das wird es auch nie sein. Jeder soll selber entscheiden, ob und welche Anglizismen er verwendet. Wenn man dann denkt, dass irgendwann alle Leute nicht mehr "richtig deutsch" können, dann sehe ich das in einer Kategorie mit denen, die denken, dass die Welt schlecht ist und alle Politiker korrupt. Es ist nicht lange her, da war Französisch DIE Sprache und jeder, der in Deutschland etwas auf sich hielt, baute so viele Französismen wie möglich ein. Das ist vorbei. Nun ist es eben Anglizismen, und das soll plötzlich verwerflich sein? Weil wir dann sofort an fette Hamburger und Sprühkäse denken, sprich an die "Unkultur" der Anglophonen? Warum ist das Englische schlecht, das Französische, Italienische oder Isländische aber kultiviert und nobel? Ich verstehe das nicht.

Niemand kann hervorsagen, wie sich Sprache entwickelt. Man sollte dafür sorgen, dass Sprache aller Art gefördert wird, dass wir das Baskische oder Walisische noch lange entdecken und benutzen können, wenn wir das möchten, aber man darf die Evol ... ich meine die Entwicklung der Sprache nicht künstlich bremsen.

An dieser Stelle möchte ich ein Buch empfehlen, das ich verschlungen habe, weil es sehr gut und anschaulich ist: Tore Janson, Eine kurze Geschichte der Sprachen.
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Woolito » So, 14. Jul 2013 20:41

Mislep hat geschrieben:Meiner Meinung nach ist es genau umgekehrt. Die Deutschsprachigen haben wenig Sprachbewusstsein, und pflegen viel mehr Anglizismen in der Alltagssprache als die deutsche Sprache selbst. Denn englisch zu sprechen ist Zeichen einer guten Ausbildung. Das klingt cool, modern, intelligent.
Bei der Jugend, vor allem aus den intellektuellen Studentenkreisen, ist es besonders schlimm. Gern kommuniziert man untereinander auf englisch (besonders am Arbeitsplatz, auch wenn kein Engländer dabei ist, oder mit den Kindern), schaut man sich spanische Filme an oder liest französische Literatur in englischer Fassung ...


Deutsche haben je nach Ausbildung und Spracherziehung genauso viel Sprachbewusstsein wie jedes andere Volk auch. Manche übernehmen englische Ausdrücke unreflektiert, weil es ihre Umgebung tut, andere pflegen Anglizismen bewusst, weil sie es, wie du sagst, cool, modern oder "intelligent" halten. Allerdings habe ich noch nie erlebt, dass Deutsche untereinander und gar mit (ihren) Kindern, wo auch immer (es sei denn als Training), auf Englisch kommuniziert hätten. Manche geben allerdings damit an, dass sie Filme lieber in der Originalfassung sehen würden, weil das ja (ach Gottchen) viel authentischer wäre. Das sind dann auch die, die mit näselnder Stimme mitteilen, dass sie im Sommer "in die Staaten" (welche?), nach Mumbai (Bombay) oder Beijing (Peking) flögen.
Dass ein Deutscher ohne spezielle Gründe frz. Literatur auf Englisch liest, dürfte eher die Ausnahme sein.

Mislep hat geschrieben: in Frankreich eher die hohen Schichten der Bevölkerung sich mit der Sprache auseinandersetzen ist wahrscheinlich richtig. Aber in Deutschland natürlich auch.


Wie ich schon sagte, habe ich den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache in Deutschland in breiteren Bevölkerungskreisen als in Frankreich stattfindet, schon allein wegen der andauernden Diskussion über Denglisch, falsches Englisch und schließlich englische (oft auch falsche) Ausdrücke, die die Werbung jeden Tag versucht in die Köpfe zu pflanzen. Die intensivste Kritik beispielsweise an der Anglizismenschwemme der Deutschen Bahn kam "aus dem Volk".

Mislep hat geschrieben: Frage: Englisch als Unterrichtssprache an den Uni in Frankreich löste viele Debatten überall in Frankreich aus. Wurde es überhaupt diskutiert in Deutschland als sich Englisch bundesweit durchsetzte ?
Als die Deutschsprachigen ihre Rechtsschreibung reformieren wollten, wurde zwar viel darüber diskutiert, aber weder mehr noch weniger als in Frankreich. (siehe die Reform Anfang der 90er, oder die endlosen Diskussionen über die weiblichen Formen für Berufsbezeichnungen...)


Englisch hat sich nicht bundesweit durchgesetzt. Das wäre in der Tat das Ende der deutschen Sprache. Englisch als alternative Unterrichtssprache an einigen Unis in einigen Fachrichtungen war in Deutschland kein allzu heftiges Thema, solange Deutsch als Unterrichtssprache an fast allen relevanten Unis in allen Fachrichtungen gewährleistet war, was der Fall ist.
Im Moment schlägt in den Medien die Gender-Initiative der Unis in Leipzig und Potsdam einige Wellen: Dem Normalbürger und (sorry! ups 'schuldigung!) der Normalbürgerin geht diese Diskussion um "Herr Professorin" am Arsch vorbei. Sie wird als lächerlich empfunden.


Mislep hat geschrieben:Zur Verteidigung der Deutschen muss man aber sagen, dass sie es natürlich schwieriger haben, weil das Englische mit dem Deutschen verwandt ist, und Anglizismen sich daher einfacher im Deutschen integrieren lassen als im Französischen.


Sicher nehmen die Deutschen wegen der sprachlichen Verwandtschaft der beiden Sprachen Deutsch und Englisch Anglizismen schneller oder einfacher auf und die meisten bemühen sich dabei sogar um eine authentische Aussprache, was übrigens auch für die meisten Ausdrücke aus dem Spanischen, Französischen und Italienischen gilt.
Die Franzosen hingegen passen Übernahmen, egal aus welcher Sprache, ihrer Phonetik an (Fassebuk).

Mislep hat geschrieben: Deutschland von Frankreich lernen könnte: Quote von deutschsprachigen Songs (Liedern, sorry ^^) im Radio und Fernsehen einführen, um eine kulturelle Produktion in deutscher Sprache zu fördern, und das Sprachbewusstsein der Deutschen zu verstärken.
Wortschöpfungen einführen, und zwar in allen "modernen" Bereichen wie Technologie, Wissenschaften, Wirtschaft/Finanzen, Industrie usw. Mit sovielen Anglizismen wird es bald unmögliche sein, in diesen Bereichen auf deutsch zu kommunizieren.
Deutsch als Unterrichtssprache an den deutschen Unis, wenn eine Fremdsprache keinen Sinn macht.
Was Frankreich von Deutschland lernen könnte: Rechtsschreibung reformieren.


Jeder Musikliebhaber kann in Deutschland nach seiner Fasson (!) / nach seinem Gusto (!) im Radio und Fernsehen glücklich werden. Es gibt genug Spartensender aller Musikrichtungen mit einem hohen deutschsprachigen Lied/Songanteil. Die deutschsprachige Musikszene ist produktiver und "kultureller" denn je und es bedarf meiner Ansicht nach weder einer Förderung noch einer Verstärkung des Sprachbewusstsein nach frz. Muster.
In den Bereichen Technik, Wissenschaft und Industrie gibt es oft parallel benutzte Wörter (downloaden - runterladen), im Bereich Wirtschaft und Finanzen gebe ich dir recht, soweit es Bereiche betrifft, mit denen sich eh nur einige Spezialisten beschäftigen. Ob diejenigen, die mit Hedgefonds ihr Geld verloren haben, das nicht verloren hätten, wenn "das Kind" einen deutschen Namen gehabt hätte, ist die Frage. Ich glaube nicht.

Eine Reform der frz. Rechtschreibung findet bereits seit einigen Jahren statt. Die phonetische Prägnanz der SMS der Jugendlichen in Frankreich ist bemerkenswert. :grin:
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Mislep » So, 14. Jul 2013 22:30

Avonlea hat geschrieben:
Mislep hat geschrieben:Was Deutschland von Frankreich lernen könnte: Quote von deutschsprachigen Songs (Liedern, sorry ^^) im Radio und Fernsehen einführen, um eine kulturelle Produktion in deutscher Sprache zu fördern, und das Sprachbewusstsein der Deutschen zu verstärken.

Das funktioniert nicht. Keine Radiostation wird dann Musik spielen, die es nicht auch jetzt schon spielen würde. Würde man das vorschreiben, hätten wir nur noch ein paarmal mehr Lieder von Rosenstolz oder Silbermond, fördern aber weder Sprache noch Kultur.


Nicht unbedingt. Das könnte auch zu Gründung und Entdeckung von neuen deutschsprachigen Bands, um die Quote zu erfüllen.

Avonlea hat geschrieben: Es ist nicht lange her, da war Französisch DIE Sprache und jeder, der in Deutschland etwas auf sich hielt, baute so viele Französismen wie möglich ein. Das ist vorbei. Nun ist es eben Anglizismen, und das soll plötzlich verwerflich sein? Weil wir dann sofort an fette Hamburger und Sprühkäse denken, sprich an die "Unkultur" der Anglophonen? Warum ist das Englische schlecht, das Französische, Italienische oder Isländische aber kultiviert und nobel? Ich verstehe das nicht.


Englisch ist nicht unbedingt mit Unkultur verbunden. Im Gegenteil: durch Anglizismen bzw täglichen Gebrauch des Englischen wollen viele ihre Kultur und gute Ausbildung beweisen.
Aber warum sollte irgendeine Sprache (egal welche) die deutsche Ersetzen ? Das derzeitige Problem ist nicht wirklich, dass neue Begriffe immer vom Englischen entlehnt werden, sondern viel mehr, dass alltägliche deutsche Wörter einfach durch englische ersetzt werden...
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Mislep » So, 14. Jul 2013 22:58

Woolito hat geschrieben:
Mislep hat geschrieben: in Frankreich eher die hohen Schichten der Bevölkerung sich mit der Sprache auseinandersetzen ist wahrscheinlich richtig. Aber in Deutschland natürlich auch.


Wie ich schon sagte, habe ich den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache in Deutschland in breiteren Bevölkerungskreisen als in Frankreich stattfindet, schon allein wegen der andauernden Diskussion über Denglisch, falsches Englisch und schließlich englische (oft auch falsche) Ausdrücke, die die Werbung jeden Tag versucht in die Köpfe zu pflanzen. Die intensivste Kritik beispielsweise an der Anglizismenschwemme der Deutschen Bahn kam "aus dem Volk".


Aus welcher Schicht des Volkes ?
In Frankreich gab es zw 1985 und 2005 ein im Fernsehen übertragenen Rechtsschreibwettwebewerb mit einer von Bernard Pivot ausgearbeiteten Diktat. Jährlich machten ca 2 millionen Zuschauer mit. Ich weiß nicht, wie die Zuschauerquote für sowas in Deutschland aussehen würde... Aber ein breites Interesse für die eigene Sprache gibt es in Frankreich auf jeden Fall...

Woolito hat geschrieben:
Mislep hat geschrieben: Frage: Englisch als Unterrichtssprache an den Uni in Frankreich löste viele Debatten überall in Frankreich aus. Wurde es überhaupt diskutiert in Deutschland als sich Englisch bundesweit durchsetzte ?
Als die Deutschsprachigen ihre Rechtsschreibung reformieren wollten, wurde zwar viel darüber diskutiert, aber weder mehr noch weniger als in Frankreich. (siehe die Reform Anfang der 90er, oder die endlosen Diskussionen über die weiblichen Formen für Berufsbezeichnungen...)


Englisch hat sich nicht bundesweit durchgesetzt. Das wäre in der Tat das Ende der deutschen Sprache. Englisch als alternative Unterrichtssprache an einigen Unis in einigen Fachrichtungen war in Deutschland kein allzu heftiges Thema, solange Deutsch als Unterrichtssprache an fast allen relevanten Unis in allen Fachrichtungen gewährleistet war, was der Fall ist.


Damit meinte ich, dass überall im deutschsprachigen Raum in allen Uni zahlreiche Lehrveranstaltungen auf Englisch zu finden sind. Manchmal sogar ganze Studiengänge. Und auch in auf deutsch gehaltenen Lehrveranstaltungen ist die englische Sprache gern Arbeitssprache. Für meine Prüfung in französischer Medienwissenschaft kam zB ein Text in englischer Sprache. Von der französischen Sprache wurde im ganzen Semester kaum ein Wort zu hören oder lesen.

Woolito hat geschrieben:
Mislep hat geschrieben:Zur Verteidigung der Deutschen muss man aber sagen, dass sie es natürlich schwieriger haben, weil das Englische mit dem Deutschen verwandt ist, und Anglizismen sich daher einfacher im Deutschen integrieren lassen als im Französischen.


Sicher nehmen die Deutschen wegen der sprachlichen Verwandtschaft der beiden Sprachen Deutsch und Englisch Anglizismen schneller oder einfacher auf und die meisten bemühen sich dabei sogar um eine authentische Aussprache, was übrigens auch für die meisten Ausdrücke aus dem Spanischen, Französischen und Italienischen gilt.
Die Franzosen hingegen passen Übernahmen, egal aus welcher Sprache, ihrer Phonetik an (Fassebuk).


Nicht ganz richtig. Kein Engländer oder Amerikaner spricht "sorry" oder "happy" aus, wie die Deutschen :grin:

Woolito hat geschrieben:
Mislep hat geschrieben: Deutschland von Frankreich lernen könnte: Quote von deutschsprachigen Songs (Liedern, sorry ^^) im Radio und Fernsehen einführen, um eine kulturelle Produktion in deutscher Sprache zu fördern, und das Sprachbewusstsein der Deutschen zu verstärken.
Wortschöpfungen einführen, und zwar in allen "modernen" Bereichen wie Technologie, Wissenschaften, Wirtschaft/Finanzen, Industrie usw. Mit sovielen Anglizismen wird es bald unmögliche sein, in diesen Bereichen auf deutsch zu kommunizieren.
Deutsch als Unterrichtssprache an den deutschen Unis, wenn eine Fremdsprache keinen Sinn macht.
Was Frankreich von Deutschland lernen könnte: Rechtsschreibung reformieren.


Jeder Musikliebhaber kann in Deutschland nach seiner Fasson (!) / nach seinem Gusto (!) im Radio und Fernsehen glücklich werden. Es gibt genug Spartensender aller Musikrichtungen mit einem hohen deutschsprachigen Lied/Songanteil. Die deutschsprachige Musikszene ist produktiver und "kultureller" denn je und es bedarf meiner Ansicht nach weder einer Förderung noch einer Verstärkung des Sprachbewusstsein nach frz. Muster.


Bis vor ca 10 Jahren war es leider nicht so... und wie wird die Musikszene in 10 Jahren aussehen ? Bald wird ja ein Freihandelsabkommen mit den USA unterschrieben, und die Kultur wird vielleicht doch nicht verschont werden...
Außerdem wurden Quoten vielleicht die Produktionen aus den "kleineren" Ländern (Österreich und der Schweiz) fördern. Zumindest in Österreich sieht es ziemlich schlimm aus... Belgien oder Kanada bekommen durch die französischen Quoten schon ein breites Publikum.
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Valdok » Mo, 15. Jul 2013 12:11

Woolito hat geschrieben:Vielen Dank, Valdok, für den Artikel von Jürgen Trabant. Mit seinen Schlussfolgerungen bin ich allerdings überhaupt nicht einverstanden. Ich zitiere:

Offensichtlich nehmen die Franzo-
sen ihre Sprache als ein zentrales Stück Umwelt
wahr, dem sie seit Jahrhunderten eine ganz be-
sondere Sorge und Pflege angedeihen lassen.
............ Dass Sprache Umwelt ist,
die gefährdet ist und zerstört werden kann und
die daher geschützt werden muß, damit die Men-
schen besser leben, diese ökologische Einsicht
könnte nun Deutschland von Frankreich lernen.


In Deutschland findet seit vielen Jahren eine Auseinandersetzung über die verändernden Einflüsse des Englischen sowie neuer Medien auf die deutsche Hoch- und Alltagssprache statt. Dies gilt nicht nur für "Gewinne", sondern auch für "Gefährdungen" und "Verluste". Außerdem findet diese Auseinandersetzung nicht nur in akademischen und "zentraladministrativen" Kreisen wie meinen Erfahrungen nach in Frankreich statt, sondern in wesentlich breiteren Bevölkerungskreisen. Selbst das "Massenblatt" BILD bringt das Thema immer wieder und z.B. ein Bastian Sick spricht in Veranstaltungshallen vor über 10.000 Leuten und nicht in barocken Intellektuellenzirkeln.
Um mit den Worten von Jürgen Trabant zu sprechen: Nicht die Franzosen lassen ihrer Sprache seit Jahrhunderten eine "ganz besondere Sorge und Pflege" angedeihen, sondern die Academie Francaise und staatliche Terminologiekommissionen, die im übrigen meist sehr spät und "hektisch" und abgehoben auf neue Entwicklungen reagieren. Die Franzosen in ihrer ganzen Breite sprechen Französisch, adaptieren das eine oder andere neue Wort und machen sich meinem Gefühl nach wesentlich weniger Gedanken über die Entwicklung ihrer Sprache als die Deutschen.
Ich sehe in diesem Zusammenhang wenig, was Deutschland von Frankreich lernen könnte.


Mein Gott hätte ich niemals geglaubt, dass dieser Artikel so viele Meinungenwechsel veranlassen könnte.
Was mich betrifft, habe ich diese Stelle verstand, als ein Will der Franzosen ihrer Sprache zu entwickeln, die stärkerer als die Deutschen ist .
Ausserdem soll man in Gedanke haben, dass Jürgen Trabant ein humorsvoller Herr ist. Ein Edelmann der Romanistik!!! So, diese Schlussforderung, was soll es sein ?


Jedoch bin ich nicht dessen so sicher, dass ich mich klargemacht haben. Ausserdem ist auch der Jürgen so ein ausgezeichnter Spassvogel, der viel besser als ein Franzose sprechen kann.
Ich habe alle Meinungen über die Rubrik gelesen. Selbstverständerlich könnte ich Fehler der Interpretierung machen haben, weil ich keine deutsche Muttersprachlerin bin .
Dennoch, bin ich überzeugt, dass Frankreich Deutschland ein Vorbild kann soll, damit die Deutschen ihre Sprache verteidigen möchten.

Herr Michelmau hat vom Begriff der regionalischen Identität als Beispiele erwähnt. Ich soll annehmen, dass ich mit Ihm ganz und gar einverstanden bin.

Als deutschfreundliche Französin, gefällt es mir sehr die deutsche Sprache und Kultur zu unterstützen, weil diese Arbeit viel mehr als hunderttausend Lebenstätigkeiten bedeutet.

Sorry, weil ich das auf meinem Computer schreiben soll, (désolée parce que j'écris cela sur mon ordinateur). Aber ich denke die Deutschsprache ist viel mehr in Gefahr als das Französisch.

Zwar finde ich überhaupt nicht , dass das heutige Deutschland in Allgemeinem Lektionnen der Franzosen zu lernen hat. Allerdings was die Sprachpolitik betrifft, ist es ganz klar : In Frankreich gleichwie in den französischsgesprochenen Ländern wird die Französischsprache gesprochen, iund im Aussland gesungen, geteidigt und ausgeführt (sorry exportiert!!). Deshalb möchte ich die Deutschsprache unterstützen und den französischfreundlichen Deutschen, die französische Eigenschaft ohne vorausgesetze Meinungen und Cocorico zu zeigen
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Rainbow » Fr, 30. Aug 2013 08:34

Na ja, mehr deutsche Lieder im Radio einzuführen, muss meinetwegen nicht sein. :P So ein paar Künstler sind ja ganz gut, aber zur Zeit finde ich die Balance ganz gut.
Allerdings finde ich auch, dass die Deutschen sich mehr um ihre Sprache kümmern sollten. Zur Zeit habe ich das Gefühl, dass sie sich zurück entwickelt. Weil viele Leute es einfach nicht auf die Reihe kriegen korrekt zu reden (z.B. Pizzen und Pizzas, Taxen und Taxis) ist es jetzt zum beispiel wieder erlaubt, bzw. richtig, wenn man Taxis oder Pizzas sagt. Das kommt daher, dass zu wenige es richtig gesagt haben. Das muss doch nicht sein. Soll demnächst auch "Alta" in unserem Duden stehen? :P
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon LadyAthos » So, 24. Nov 2013 19:11

Ich bin ja auch der Meinung, dass mittlerweile in Deutschland viel zu häufig die englische Sprache verwendet wird...in Restaurants wirbt man mit "All you can eat", und in Werbespots benutzt man häufig englische Sprüche anstatt deutschsprachige.
Wie damals, vor ein paar Jahren, als Douglas den Spruch "come in und find out" als WErbeslogan benutzte, da dachten ja viele, das würde bedeuten "Komm herein und finde wieder heraus."
Ich finde es ist einfach nicht gut, zu oft englische Begriffe zu verwenden, es gibt ja in Deutschland noch viele Menschen um die sechzig oder siebzig, die nie Englisch gelernt haben.

Leider ist es bei uns in Deutschland so, dass deutschsprachige Musik häufig eher für die ältere GEneration sind...meistens sind das Schlager, die meisten Popsongs, bis auf einige Ausnahmen, sind auf Englisch.
So verbinden viele deutschsprachige Musik mit verstaubten Schlagern für alte Leute. Und es ist ja leider auch so, dass viele deutsche Popsänger lieber auf englisch singen.
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Re: Französische Sprachpolitik : ein Modell für Deutschland

Beitragvon Krevettenkapitän » Mo, 21. Sep 2015 15:55

Ein nicht unwesentlicher Punkt ist sicherlich auch die unterschiedliche Sprachmelodie, Betonung, Aussprache usw. Während man in die deutsche Sprache eigentlich Vokabeln fast aller fremden Sprachen ohne größere Umstände integrieren könnte, funktioniert das bei der französischen Sprache nicht so einfach. Entweder man hat einen Bruch beim Französischsprechen oder das fremde Wort wird bis zur Unkenntlichkeit umgeformt.

Nichtsdestotrotz sollte man schon bewußt mit Sprachen umgehen. Oft sind Fremdworte treffender, einfacher, kürzer oder einfach chicer, aber man kann eben auch alles übertreiben. Regelrecht lächerlich sind hingegen solche Auswüchse wie das berühmte "Handy" oder der Coffee "to go". Das ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.
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