Die Franzosen und die Bestattung

Sprechen wir von den Beziehungen zwischen uns und unseren Ländern

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Beitragvon Mislep » Mo, 01. Nov 2010 21:28

Aber die Felder gehör[t]en irgendjemandem, auch wenn sie heute nicht mehr landwirtschaftlich benutzt ist. Hat es einen Sinn, den Friedhof 10 km weit von der Stadt zu legen, nur weil es dort mehr freien Platz gibt ?
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Beitragvon Avonlea » Mo, 01. Nov 2010 21:43

An dieser Stelle möchte ich aus dem Buch Wie Gott in Deutschland von Daniel Goeudevert zitieren, der sich eingehend Gedanken über die deutschen und französischen Friedhöfe gemacht hat. Er schreibt, dass sollte es mal passieren, dass er im Flugzeug einschläft und nicht mehr weiß wo er ist, er nur kurz aus dem Fenster gucken und nach einem Friedhof suchen muss. Findet er keinen, ist er in Deutschland :grin:
Die Friedhöfe in Frankreich, wie auch anderswo, sind reine Bestattungsstätten, Orte der Toten und des Todes, der letzten Ruhe, des Jenseits, so schmucklos und kühl, dass sich dort niemand länger aufhalten mag, als es Pietät und Konvention vorschreiben. Das ist in Deutschland anders: Hier scheinen die Friedhofe in erster Linie nicht für die Gestorbenen, sondern für die Lebenden da zu sein, es sind Ruheräume für die Trauernden, diesseitige Orte der Erinnerung, des An- und Nachdenkens, der Besinnung. Sie dienen nicht primär der Konfrontation mit dem Tod - das auch, er wird ja keineswegs vertuscht oder verdrängt-, sondern der Konfrontation mit dem Überleben der Zurückgebliebenen.
(...)
Anstatt den Schrecken in Ritualen und Zermonien zu bannen, den Tod kenntlich zu machen und sich möglichst deutlich davon zu distanzieren, wie dies etwa in stärker katholisch geprägten Ländern wie Italien udn Frankreich geschieht, ergeben sie sich ihrem Schmerz und begeben sich auch noch an Orte, deren Schönheit und Atmosphäre den Verlust sogar lebending erhalten.
aus: Goeudevert, Daniel: Wie Gott in Deutschland. Eine Liebeserklärung. Ullstein 2004.

Das Kapitel geht noch weiter, er schließt unter anderem von der Gestalt der Friedhöfe auf den deutschen Hang zur Melancholie. Ein sehr interessantes Buch, das ich drüben auf AOX bestimmt schon zehnmal empfohlen habe.

Man braucht nur die jeweils schönsten Friedhöfe in Deutschland und Frankreich zu vergleichen um den Unterschied wie er ihn beschreibt zu merken. Ich denke da an den größten Parkfriedhof der Welt, den in Hamburg Ohlsdorf. Da fahren die Leute hin nur um am Wochenende spazieren zu gehen. Es ist schön da, ein würdiger Ort. Auf französischer Seite denke ich an den Friedhof in Menton, der oberhalb der Stadt liegt. Man hat einen unfassbar schönen Ausblick, aber es bleibt eben eine Wüste aus Stein und Marmor. Die Figuren sind etwas zahlreicher als in Deutschland, aber es lebt wirklich nichts mehr. Kein Baum, kein Strauch gesellt sich zu den Toten. Zudem ist es eng und es gibt für die Lebenden keine Möglichkeit zum Rasten und Gedenken, keine Bänke und keine Abgeschiedenheit. Schade.

Den allerschlimmsten Friedhof habe ich aber in Italien gesehen, kurz hinter der französischen Grenze im Hinterland der Küste. Da führt die Autobahn hoch über ein Dorf hinweg, und was von dem Dorf sah war ein Friedhof mit Urnenwänden hoch wie ein Einfamilienhaus. Wie furchtbar! Ich stelle mir vor, wie die Angehörigen zum Trauern kommen und beim Verweilen des Blickes auf das Grab einen Nackenstarre bekommen. :shock:
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Beitragvon Woolito » Mo, 01. Nov 2010 22:13

Danke, Avonlea, für den Buchtipp. Kannte Daniel Goeudevert bisher nur als ehemaligen VW-Manager. Die von dir zitierte Passage erscheint mir eine gute Erklärung für die unterschiedlichen Friedhöfe in beiden Ländern und darüber hinaus.
nachricht-5688.html#p62607 (Moderatorenbeitrag)
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Beitragvon Souris » Di, 02. Nov 2010 07:27

Avonlea hat geschrieben: Den allerschlimmsten Friedhof habe ich aber in Italien gesehen, kurz hinter der französischen Grenze im Hinterland der Küste. Da führt die Autobahn hoch über ein Dorf hinweg, und was von dem Dorf sah war ein Friedhof mit Urnenwänden hoch wie ein Einfamilienhaus. Wie furchtbar! Ich stelle mir vor, wie die Angehörigen zum Trauern kommen und beim Verweilen des Blickes auf das Grab einen Nackenstarre bekommen. :shock:


So einen gibt es auch in Palma de Mallorca. Beim ersten Vorbeifahren dachte ich noch, dass die aber dicht am Friedhof wohnen. Beim zweiten Vorbeifahren hab ich dann erkannt, dass es Urnenwände waren.
Leider wird hierzulande auch damit angefangen. :roll:
Wir haben hier auch einen sehr schönen Friedhof, immer wenn wir dort hin fahren, gehen wir auch garantiert noch darüber spazieren, aber die Urnenwände passen überhaupt nicht hin.
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Beitragvon michelmau » Di, 02. Nov 2010 15:09

Ich liebe südenglische Friedhöfe, wo Rasen zwischen den Gräbern wächst und Kinder unbeschwert(Ball) spielen dürfen. :D
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Beitragvon Gretchen » Mi, 03. Nov 2010 00:14

michelmau hat geschrieben:Ich liebe südenglische Friedhöfe, wo Rasen zwischen den Gräbern wächst und Kinder unbeschwert(Ball) spielen dürfen. :D


so einen kenne ich in südfrankreich aber auch!
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